A Kind of Magic

Beim Blick auf die Schweizer Landkarte findet man das Paradis. Gemeint ist natürlich nicht das biblische Paradis Garten Eden, sondern lediglich ein kleines Fleckchen Erde im Kanton Graubünden. Auf einer Fläche von 500 x 250 Metern erstreckt sich ein Stückchen Wald mit großer Berühmtheit im Klettersport. Gemeint ist das Boulderparadies Magic Wood. Dies ist der offizielle Name des Waldgebietes, welches die Klettercommunity seit 1997 ihr Territorium, ihre sportliche Heimat nennt. Ein Ort mit Moos bewachsenden Felsen, um die sich die Wurzelteppiche der vielen Bäume schlingen. Die gut 1.500 Boulderrouten sind alle paar Meter zu finden. Zu ihnen gelangt man über unscheinbare Wege, quer durchs Gelände, teils entlang eines Flusses, in dem glasklares Wasser fließt. Hierher kommen Klettersportlerinnen und Klettersportler aus aller Welt, Amateure sowie Profis. Sie alle versuchen hier ihr Glück am Granitfelsen. Es geht darum, eine fest definierte Route zu klettern. Je nach Schwierigkeitsgrad gelingt das einfacher oder schwerer. Viele Boulderprobleme – so werden die Routen genannt – brauchen jahrelanges Training. Es geht um: Konzentration, Routen lesen, Körpergefühl, Kraft, Ausdauer, Technik und um den Willen jeden noch so schlechten Griff zu halten. Hier im ursprünglichen Habitat des Menschen, wo der Mensch die Natur zu bezwingen versucht.

Johnny

Morgens schlenderte ich über den Campingplatz von Magic Wood, da sprach mich Johnny an. Ich hatte ihn die Tage zuvor bereits wahrgenommen, doch wir hatten bisher nicht miteinander gesprochen. Ich entsann mich, ihn die Tage zuvor mit seiner Freundin am Fels gesehen zu haben. Ein Moment von dem Paar war mir in Erinnerung geblieben. Es war ein zweisamer Moment und zugleich ein schönes Fotomotiv. Seine Freundin Emily lag auf Johnnys Schoß und sie saßen direkt vor ihrer projektierten Route. Doch leider war ich fürs Foto nicht schnell genug. Später ärgerte ich mich, kein Bild davon zu haben.

Doch nun lernte ich Johnny kennen. Wir redeten über die Fotografie, Musik, das Van-Leben und all diese Dinge. Eigentlich sollte es in diesen Moment nicht so sehr um mich gehen. Doch Johnny schien mir ein sehr an anderen interessierter Mensch zu sein. So aufgeschlossen, dass ich seine Art als inspirierend empfand.

Daher war es wohl auch kein Problem, dass seine Freundin Emily bereits abgereist war. Er schien schnell neue Kontakte zu knüpfen. Ich fragte ihn zu seiner Geschichte und wie es zum Magic Wood Urlaub kam. Er erzählte mir, dass er gebürtig von den Philippinen kommt, doch seit seinem 13. Lebensjahr in den USA lebt. Er und seine Freundin Emily brachen aus San Antonio im US-Bundesstaat Texas nach Europa auf. Magic Wood war nicht der Grund ihrer Reise. Der Kletterurlaub hier war eher eine Gelegenheit, die sich während der Reiserei anbot. All die Länder Europas sieht Johnny als eine Art Zwischenstopp für sein eigentliches Reiseziel: die Philippinen. Im Januar möchte er dort seinen Vater besuchen. Dass er nun in Europa umherfährt, liegt an Emily. Sie studiert in Italien Architektur und möchte mal nach Europa ziehen. Jetzt haben beide etwas Zeit und erkunden die Länder Europas. Das einzige, was dabei ein Hindernis ist, sind die Kosten. Insbesondere die Schweiz ist ja – bekanntermaßen – teuer. Doch irgendwie scheinen sie immer weiter zu kommen. Von Magic Wood aus ging es nach Rom, Mailand, Florenz und Barcelona. Interessieren tun sie sich für neue Kulturen, Perspektiven und Architektur. Mit Emilys Freunden solls wohl immer wieder zu nerdigen Architekturgesprächen kommen.

Für mich war es dann noch wichtig, mehr über ihre Gedanken zu Magic Wood zu erfahren. Dazu fragte ich sie später per Sprachnachrichten. Unter anderem fragte ich sie, ob der Name "Boulderparadies Magic Wood" vielleicht etwas übertrieben sei. Der Name, wie er auch bei Google Maps steht, strotzt ja nur vor Superlativen. Aber tatsächlich beschrieben sie den Ort auch als magisch. Eventuell auch wegen meiner suggestiven Fragetechnik. Ich bin eben doch ein Fotojournalist. Johnny und Emily meinten, es sei wie in ein anderes Land einzutauchen. Auf eine gewisse Art ist es auch fremdartig. Emily meint, die coolen Pilze zu betrachten, war einer ihrer Lieblingsmomente. Und sie beschrieb, wie es ist, an dem Fels Bruno Block zu entspannen, dem Wasser zu lauschen und sich klein zu fühlen. Das Wasser glitzert zu verschiedenen Tageszeiten unterschiedlich. Weiter meinte Emily: "Du bist frei zu tun, was du willst und so oft du willst. Du vergisst die Probleme, die du im Leben hast. So habe ich es mir vorgestellt." Johnny erwiderte: "Ich habe definitiv über meine Probleme nachgedacht, als ich dort die Felsen betrachtet habe." Aber er scherzte nur. Worüber er wohl wirklich nachdachte, waren die Betas der Routen. Also über die genauen Wege mit all den Bewegungsabläufen den Fels hinauf. Johnnys Ziel war ursprünglich, etwas im Schwierigkeitsgrad 8A zu klettern (heavy Shit). Doch bei einigen Routen war er seiner Ansicht nach erfolglos. Bei anderen sah's schon besser aus, sodass bei zwei Routen nur ein Griff fehlte. Doch irgendwann besann er sich etwas und meinte: "Es fühlt sich so flüchtig an, und ich habe das Gefühl, dass ich performen muss. Aber ich komme zu dem Schluss, dass es in Ordnung ist, nicht zu performen." Ich kann nur sagen, die Performance liegt im Auge des Betrachters. Bei den meisten 8A Bouldern würde ich vermutlich nicht mal den Start halten.

Nico

Nico traf ich als Teil einer Gruppe auf dem Campingplatz. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Protagonisten und schlich so um ihn sowie seinen Kumpel Denis herum. Als Kontaktaufnahme hebte ich nur die Kamera hoch, suchte den Blickkontakt und wartete auf ein Zeichen, ob es ok ist, dass ich Fotos mache. In dem Fall war es für beide in Ordnung und nach ein paar Auslösungen kamen wir ins Gespräch. Letztlich schien die Chemie so weit zu stimmen, dass ich an mehreren Tagen mit ihm, Denis sowie später weiteren derer Boulderkumpels Zeit verbringen durfte. 

Der Tagesablauf von Nico ist ganz gemütlich: Morgens wird ausgeschlafen, dann gefrühstückt und am Vormittag gehts los an den Felsen. Nicos wichtigstes Projekt dieses Urlaubs in Magic Wood war Jacks Broken Heart (8A) zu klettern – was ihn dann letztlich auch gelang.

Um diese Route klettern zu können, begann er die Kletterei mit 12 Jahren in seiner Heimat Ecuador. Er hatte zuvor allerhand andere Sportarten ausprobiert: Fußball, Basketball, Volleyball, Kampfsportarten, Tennis, Schwimmen und Weiteres. Doch bei keinem dieser Sportarten blieb er länger dabei. Als er dann in die neu eröffnete Boulderhalle gehen wollte, waren seine Eltern zögerlich, ihm Boulderschuhe zu kaufen, weil er schließlich bisher nie lange bei einem Sport blieb. Doch das sollte dieses Mal anders sein. Er fing an, in einer Gruppe zu trainieren, nahm an Wettkämpfen teil und entdeckte später das Felsklettern für sich. Als Nico vor 7-8 Jahren von Ecuador nach Deutschland kam, war das Bouldern das Beste was er hatte. So beschreibt er es selbst. Er konnte sich darauf verlassen, in der Boulderhalle neue Leute kennenzulernen. Als er im Boulderhaus Darmstadt zu klettern begann, war er dort

einer der stärksten Kletterer, sodass viel Aufmerksamkeit auf ihn viel. Es entwickelte sich in Deutschland bald eine neue Community für ihn. Unter anderem auch dadurch, dass er in Darmstadt selbst zum Routenschrauber wurde. 

Die Nähe zur Schweiz von Deutschland aus ließ ihn dann vor gut zwei Jahren auch erstmalig nach Magic Wood fahren. Er kannte den Boulderspot bereits lange aus Videos. Als er erstmalig da war, hatte er sich direkt in den magischen Wald verliebt und kam seitdem mehrmals wieder. Und das alles, obwohl er das Campen so gar nicht leiden kann. Immerhin hat er nun einen eigenen Van, mit dem er direkt neben dem Bouldergebiet übernachten kann. Diesen baute er kurz vor Abreise noch so aus, dass er mit seinem Kumpel Elias darin übernachten kann.

Nico meint, Magic Wood ist tatsächlich magisch, der Wald sei einfach megaschön. Er könne stundenlang einfach dort sitzen und nichts tun. Obwohl ich an dieser Stelle anmerken möchte, dass ich Nico immer ganz vorne mit dabei gesehen habe, beim Projektieren von Routen. Aber vielleicht fand oder findet er wann anders mal Zeit, stundenlang dort einfach nur zu sitzen, um nichts zu tun.

Abschließend fragte ich Nico, was seiner Meinung nach noch interessant für diesen Text sein könnte. Er hob hervor, dass die Leute vor Ort beim Bodhi Campingplatz wirklich gute Leute sein, wo er für Props geben möchte. Sie kümmern sich nicht nur um den Campingplatz, sondern auch um den Wald selbst, dass alles gesund und sauber bleibt. Unter anderem mit Clean Up Days, wo Nico auch schon mal dran teilnahm. Früher wurde dieses Event dafür genutzt, um Müll aus dem Wald zu holen, aber mittlerweile scheint das nicht mehr nötig. Bei den jetzigen Clean Up Days geht es darum, den Fels zu pflegen, um Chalk (Magnesiumpulver für die Hände) vom Fels zu entfernen. Die Mithilfe wird mit Essen und Party belohnt. Es ist wohl ein cooles Event.

Denis

"Denis, gesprochen Döni, wie der kleine Döner": So stellte sich mir Denis vor. Ihn lernte ich zusammen mit Nico auf dem Campingplatz kennen. Ein ehrlicher Typ mit interessanten Geschichten, in denen ich mich manchmal wiederfand. Ein Kletterer, der lange kein Kletterer sein durfte. Doch fangen wir von vorne an ...Schon als Kind hatte Denis viel Zeit in den Bergen verbracht, doch als er anfing, Gitarre zu spielen, musste er seine Finger schützen. Er erklärte mir, dass man zum Spielen von Klassischer Gitarre lange Fingernägel braucht. Zum Thema zeitgleich Gitarre spielen und Klettern sagte er: "Das ist einfach verboten. Das ist unmöglich. Das ist wie blind sein und Flugzeuge verantworten. Das kann man net machen!". Doch es gab einen Tag, wo er genug hatte, vom Gitarre spielen. Er übte zu dem Zeitpunkt im Rahmen des Studiums das Instrument mehrere Stunden täglich und arbeitete in einem Gitarrengeschäft. Doch ihn verließ die Muße. Er schnitt seine Fingernägel und ging Bouldern, kletterte dann viermal pro Woche und hörte auf, Gitarre zu üben. "Ich wollte glücklicher sein. Klettern hat mich glücklich gemacht.", nannte er mir als Begründung für seinen Wandel.Die Community nahm ihn gut auf. Er passte gut zu ihnen und sie gut zu ihm. Er meinte, Kletterer seien ein Haufen Vögel. Alle seien ganz unterschiedlich mit unterschiedlichen Jobs. Ein Freund von ihm ist Theologe, ein anderer ist Baumpfleger, er ist Gitarrenfachverkäufer, der nächste ist Schreiner und dazu gibts auch ein paar Ärzte. Denis beschrieb es als Diversität. Und doch haben die Menschen viele Gemeinsamkeiten. Zumindest der Sport ist ein gemeinsamer Nenner, sodass es immer ein Thema gibt, über das man sprechen kann. Weiter sagte er: "Es gibt diese Offenheit. Klettern ist dieser seltsame Sport, wo man sich teilweise in Gefahr bringt und man mag es, den ganzen Tag draußen zu verbringen, um sich wehzutun."Seit Juni 2023 hat er dafür auch besonders viel Zeit. Seitdem lebt er in seinem Van und hat keine Wohnung mehr. Zuvor ging es ihm psychisch nicht gut, sodass er u. a. nicht mehr schlafen konnte, und in Folge dessen wollte er sein Leben radikal verändern, um auch etwas Neues anzufangen. Doch er wusste eine Zeit lang nicht was. Er hatte sich immer vorgestellt, dass die Leute, die in einem Van leben, ein cooles Leben haben. Aber es sei nichts für ihn. Er arbeitet und studiert. Doch ihm fehlten andere gute Optionen und ein paar Leute rieten ihm zu einem neuen Weg. Er solle etwas ändern, bevor er komplett kaputt geht und er sollte auch das tun, wozu er Lust hat. Es kostete ihn viel Überwindung, den Schritt zu wagen. Doch er wählte das Leben im Van bzw. eigentlich ein Kletterleben. Denn der Van ist ihm egal. Es ist ihm egal, ob er schöne Tassen hat und ob der Wagen hübsch aussieht. Er wollte weg und klettern. Dafür brauchte es eben das Fahrzeug, in dem er auch schlafen kann. Er fährt dahin, wo schönes Wetter ist und es Felsen gibt. Mit dem Van hat er nichts verloren. Insbesondere im Vergleich zu einem WG-Zimmer, sagte er, hat er mehr Freiheit. Neue Leute trifft er am Fels. Er meinte, dieses Leben kostet viele Biere. Denn wenn die Leute cool sind, dann trinkt man auch gerne ein Bier abends und vielleicht geht man dann auch am nächsten Tag wieder klettern. Er meinte, er klettert sechs Tage die Woche. Ich erwiderte, dass das aber nach ganz schön viel klingt. Wo ist die Zeit zur Regeneration? Doch Denis meinte, er klettert ja nicht jeden Tag viel und auch nicht immer schwere Routen.

Mich interessierte dann noch, wie er ausgerechnet nach Magic Wood kam. Er erzählte mir, wie er fünf Tage vor Magic Wood Nico in der Boulderhalle getroffen hatte. Sie kannten sich zu dem Zeitpunkt bereits länger. Nico meinte, dass er in der folgenden Woche nach Magic Wood fahren würde. Dann sagte er noch augenzwinkernd: "Du hast wohl nichts zu tun. Wie immer. Willst du mitkommen?" Denis meinte, er hatte dann noch fünf Tage, um seine Boulderskills zu verbessern, denn er war hauptsächlich Seilklettern gewesen. Er hatte etwas vergessen, wie technisch Bouldern war. Doch beschreibt es sehr positiv, von Nico gecoacht zu werden.

Das lustigste, was ich mit Denis erlebte, war, als ich eines Morgens zu ihm und den anderen auf den Campingplatz kam. Aus dem Van ragte ein Besen auf den Boden. Eine Mäuseleiter, wie ich lernte. Denis hatte in der Nacht Besuch von einer Maus, die ihn über die Bettdecke lief. So erzählte er es zumindest. Was ich tatsächlich selbst noch sah, war, dass ein Vogel in sein Van flog. Die Tiere scheinen sich bei ihm wohlzufühlen.

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