Psychiatrie: Was ist das für ein Ort?

Was von dem, was wir über die Psychiatrie zu wissen meinen, stimmt? Wie realistisch ist unser Bild von ihnen und welche Entwicklungsschritte hat die Psychiatrie hinter sich? Ein vierwöchiger Einblick in die psychiatrische Klinik in Langenhagen.

Vor 160 Jahren begann die Geschichte des Behandlungsstandortes für psychisch erkrankte Menschen in Langenhagen. Was heute die „Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie“ ist, war zur Gründung 1862 die „Heil- und Pflegeanstalt für geistesschwache und blödsinnige Kinder“: Eine Klinik, damals noch Anstalt genannt, die sich durch milde Gaben im hannoverschen Königreich finanzierte. Hier wurde zur Gründungsperiode etwa 20-30 „Zöglingen“ geholfen. Die Hilfe bestand aus: Kost, Wohnung, Kleidung, Unterricht, ärztliche Behandlung und Arznei. In der weiteren Geschichte des Standortes Langenhagen ist die Fachrichtung Psychiatrie als auch der Standort selbst einem stetigen Wandel unterworfen. Die Anstalt war von Zäunen und Mauern umfriedet und stand lange Zeit für "Verwahren" statt "Behandeln".

Ein jüngeres Relikt der 160-jährigen Klinikgeschichte ist die Kegelbahn aus dem vorherigen Jahrhundert. Sie wurde von Patientinnen und Patienten genutzt. Die Kegelbahn stammt aus einer Zeit, wo der Psychiatrie noch wichtige Entwicklungsschritte bevorstanden. Beispielsweise wurden im vorherigen Jahrhundert bis zu 12 Menschen in einem Raum (in Wachsälen) untergebracht.

Der Status quo der Langenhagener Klinik sowie vieler weiterer Kliniken in Deutschland hat viel mit dem letzten großen Entwicklungsschritt zu tun. Erst die Psychiatrie-Enquête, eine Reformbewegung in den 70ern, trug maßgeblich zur heutigen Psychiatrie bei. Ein vom Bundestag beauftragter Bericht beschrieb auf 430 Seiten die gegenwärtige Lage der deutschen Psychiatrie. Erst im Zuge der darauffolgenden Veränderungen wurde die Psychiatrie menschenwürdiger, ambulante Behandlung stand vor stationärer Behandlung sowie Behinderungen und psychische Erkrankungen wurden getrennt behandelt. Mehrere heutige Angestellte, darunter der Chefarzt Dr. Stefan-M. Bartusch, stehen für die Veränderungen in der Psychiatrie. Sie erlebten den Wandel und gestalteten ihn aktiv mit. 

Doch wie ist es heute in der Langenhagener Klinik? Und wie wichtig ist das Thema „Psychiatrie" gesamtgesellschaftlich? Etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung ist in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. (Quelle: DGPPN) Kommen die Entstehungsfaktoren eines Krankheitsbildes zusammen, kann jeder an einer Sucht, Manie, Depression, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörung, u. w. erkranken. In den meisten Fällen benötigen wir keine stationäre Hilfe. Bei besonders schweren Krankheitsverläufen helfen psychiatrische Kliniken.

Janice Schilling, Andrea Bajorath

Pflegerinnen auf der
Aufnahmestation 6

“Ich kenne Patienten hier schon seit 28 Jahren. Sie gehen natürlich gerne in eine Klinik, wo sie das Personal schon kennen.”

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Klinikalltag bedeutet auch, dass Mitarbeitende, aber auch Patientinnen oder Patienten dem Trubel entgehen möchten und sich eine ruhige Ecke suchen. So sieht man häufig Mitarbeitende an der Liegendzufahrt Pause machen. Auch Lieferungen des Trägers KRH (Klinikum Region Hannover) werden hier angenommen.

Die Vogelvoliere wird von der sozialtherapeutischen Station 5 betreut. Diese Station ist darauf spezialisiert, Patientinnen und Patienten wieder zu mehr Selbstständigkeit im Alltag zu helfen. Der stellvertretende Stationsleiter Niels Wolfram-Rodenberg berichtet, dass beispielsweise depressive Patientinnen und Patienten bei der Arbeit mit den Vögeln „auftauen“ und dass bei vielen Patientinnen und Patienten Erinnerungen gebahnt werden. Die Aufgaben umfassen: Füttern, Säubern sowie das Beobachten der Vögel nach Auffälligkeiten.

Die Aufenthaltsräume auf den Stationen beinhalten Sitzgelegenheiten, einen Fernseher sowie Bücher und Beschäftigungsmöglichkeiten. Häufig kommen Patientinnen und Patienten hier ins Gespräch mit Mitpatientinnen und Mitpatienten.



Das Leben auf den Stationen läuft geregelt ab. Patientinnen und Patienten leben zusammen, tauschen sich aus, gehen spazieren und nehmen Angebote wie Sport- oder Kochgruppen wahr. Das Miteinander von Patientinnen und Patienten hat zudem etwas sehr Ehrliches. Es ist klar, dass jeder größere Baustellen im Leben hat. Für die Dauer des Aufenthaltes muss niemand etwas darstellen. Hier treffen Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten zusammen. Pflegerin Andrea Bajorath berichtet, dass einige der Patientinnen und Patienten immer wieder kommen. Sie kennen das Personal sowie die Umgebung und wissen, dass sie Aufmerksamkeit für ihre Probleme erhalten und in einem geschützten Umfeld sind. Pflegerin Frau Bajorath berichtet, dass Sie häufig Dankbarkeit dafür erhält, dass sie da war, als die Krise kaum zu bewältigen schien. Das mag der Grund sein, weshalb viele Beschäftigte seit Jahrzehnten hier arbeiten. Aus dem Team wird mir berichtet, wie sie auf ähnliche Weise zu ihrer Arbeitsstelle in der Psychiatrie kamen. Sie mussten beispielsweise im Rahmen der Ausbildung zu einem Einsatz in die Psychiatrie. Vielen gefiel es hier besser als vermutet. Es gehören Aufgaben wie Spaziergänge anbieten zur Arbeit. Pflegerin Frau Brigitte Giersemehl erzählte mir, wie Freunde und Bekannte zu ihr sagen: „Das muss aber anstrengend sein, in der Psychiatrie zu arbeiten.“. Natürlich ist es das hin und wieder. Aber eben nicht andauernd.

Patientinnen und Patienten stehen verschiedene Angebote zur Verfügung. Ein Angebot, welches aktuellen und ehemaligen Patientinnen und Patienten sowie Außenstehenden zur Verfügung steht, ist die Malwerkstatt. Die Künstlerin Martina Vollmer leitet die Gruppe.

Die drei Mahlzeiten am Tag können vorab individuell bestellt werden. Die Mahlzeiten werden zentral zusammengestellt und kommen mit Wägen auf die Stationen. Ein wichtiger Aspekt der Behandlung ist, den Patientinnen und Patienten eine Tagesstruktur zu schaffen. Die Mahlzeiten zu festgelegten Zeiten spielen dabei eine wichtige Rolle. Ab 7:45 Uhr gibt es Frühstück.


Brigitte Giersemehl

Leiterin der
Angehörigengruppe

“Oft helfen sich die Angehörigen gegenseitig. Bei Menschen mit Psychosen weiß die Gesellschaft oft nicht, wie sie damit umgehen soll.”

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Stefanie Müller

Leitende Psychologin

“Es gehen viele Menschen zur Arbeit, weil es die Miete zahlt. Das ist bei mir anders. Ich finde es spannend, von Menschen ihre Geschichten zu hören.”

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Michael Sandau

Leitender Sozialarbeiter

“Menschen in psychischen Notsituationen haben auch oft soziale Notsituationen. Die auch gar nicht so selten zur psychischen Lebenskrise beigetragen haben.”

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Die Aufnahmestation 12 verfügt über einen Aufenthaltsraum sowie einen Außenbereich, der den Patientinnen und Patienten zur Verfügung steht. Dem Bildausschnitt links angrenzend befindet sich eine kleine Küche und rechts angrenzend ein Sofa.

Auf der Aufnahmestation 6 werden u. a. Menschen mit psychotischem Erleben behandelt. Dabei kann es zur Fehlwahrnehmung kommen, dass eine Person im Fernsehen sie explizit anspricht, um eine Botschaft zu übermitteln. Als Schutz vor möglichen Aggressionen befindet sich der Fernseher hinter einer Plexiglasscheibe.

Die Patientenzimmer haben meist zwei Betten. Diese Zimmer sind nach Geschlechtern getrennt. Sobald eine Person nach einer Behandlung entlassen wurde, wird das Bett vom Reinigungspersonal frisch bezogen. Aus hygienischen Gründen wird das Bett daraufhin abgedeckt. Eine Neubelegung findet meist am selben Tag statt.

Menschen kommen in die Klinik in größtmöglichen Krisen. Einige sind gegen ihren eigenen Willen hier. Um den Ort Klinik als auch die Fachrichtung Psychiatrie zu verstehen, braucht es einen Blick auf die unterschiedlichen Krankheitsbilder. Nicht alle hier sind traurig und depressiv. Jemand in einer manischen Phase fühlt sich so gut wie selten. Doch manische Menschen vergessen die Konsequenzen ihres Handelns. Sie leben in dieser Krankheitsphase ein enthemmtes, aufbrausendes Leben und laufen nicht selten Gefahr, sich währenddessen z.B. stark zu verschulden. An Schizophrenie erkrankte Menschen fühlen große Angst, wenn sie sich beispielsweise verfolgt fühlen oder Stimmen hören. Doch diese Krankheit äußert sich in vielfältigen Arten und muss nicht unbedingt von Wahn oder Halluzinationen geprägt sein. Am häufigsten werden Menschen mit Suchterkrankungen aufgenommen.

Doch gleich, welches Krankheitsbild man nimmt: Eine Behandlung wird schwierig, wenn Betroffene keine Krankheitseinsicht haben. Carsten Reinsch, der Stationsleiter einer geschützten Station (umgangssprachlich geschlossenen Station) erklärte mir den Umgang mit Patientinnen und Patienten ohne Krankheitseinsicht: Weisen Menschen eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung auf, können Ärzte (Psychiater) einen Antrag beim Amtsgericht für eine Behandlung per Beschluss stellen. Bei einer Genehmigung können Menschen auch gegen ihren Willen in einer Psychiatrie aufgenommen werden. In manchen Fällen geschieht dies auch mit Hilfe der Polizei oder Feuerwehr, welche die Beschlüsse mit umsetzt. Eine Behandlung von Menschen ohne Krankheitseinsicht bedarf viel Geduld. Primär geht es darum, eine Vertrauensebene zur betroffenen Person aufzubauen.

Die psychiatrische Klinik benötigte im Laufe der Zeit zunehmend Kapazitäten, um weitere Patientinnen und Patienten aufnehmen zu können. Daraufhin mietete die psychiatrische Klinik eine Etage des benachbarten Altenheims. Das Bild zeigt eine Badewanne, welche auf die Bedürfnisse von älteren Menschen angepasst ist. Sie ist u. a. höhenverstellbar.

Bemerkenswert ist, dass die Stadt sowie ein Wohngebiet an die Klinik herangerückt ist. Der Journalist Hermann Löns schrieb 1903, dass sich Langenhagen in alle Richtungen ausweitete, nur nicht nach Norden. Als Grund sah er die zu scheuende Nähe zur Klinik.



Dr. Annelie Hintzen

Ärztin in der Institutsambulanz

“Jede psychiatrische Klinik muss eine Institutsambulanz vorhalten. Wo wir eine Nachbehandlung unserer Patienten sicherstellen können.”

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Carsten Reinsch

Pfleger auf 
der geschützen Station

“Wichtiger Behandlungspunkt ist eine Strukturvorgabe. Wir haben relativ häufig Patienten hier, die wochenlang zu Hause vor sich hingelebt haben.”

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Monika Witzenberger

Ergotherapeutin

“Jede Tätigkeit hinterlässt eine Veränderung im Menschen. Und das wird genutzt. Ziel der Ergotherapie ist es, die Betätigung wieder zu ermöglichen.”

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Uwe Schaumann

Pfleger und Deeskalationstrainer

“Ich werde zu 55 % über meine Körpersprache wahrgenommen und zu 38 % über meine Stimmenfarbe und die Klangmelodie.”

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Wenn von Patientinnen und Patienten eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung ausgeht und die Situation nicht anders gelöst werden kann, bleibt als letztes Mittel die Fixierung. Sie muss von einem Arzt angeordnet sowie vom Amtsgericht genehmigt werden. Ebenso werden fixierte Menschen durchgehend betreut. In regelmäßigen Abständen muss die Notwendigkeit der Fixierung geprüft werden.

Auf der Station 11 wird Menschen mit einer Abhängigkeit von illegalen Drogen geholfen. Mögliche Ziele auf dieser Station könnten eine “Komplettentgiftung von illegalen Drogen” und die “Vorbereitung auf eine weiterführende Therapie” sein.

Das Café conTakt ist ein Café für alle inmitten der Klinik. Im Rahmen der von Solveig Dech angeleiteten Ergotherapie sammeln Patientinnen und Patienten Arbeitserfahrungen und werden auf den beruflichen (Wieder-)Einstieg oder eine Rehabilitationsmaßnahme vorbereitet.

Dieses Projekt entstand im Dezember 2021 in der KRH Psychiatrie Langenhagen. Als ehemaliger Patient einer anderen psychiatrischen Klinik lernte ich den Alltag aus Patientensicht kennen. Von meinen Eindrücken war ich inspiriert, dieses Projekt umzusetzen. Einen neuen Ansatz, um über die Psychiatrie zu sprechen, sah ich darin, das Personal selbst die Fachrichtung als auch den Ort Klinik erklären zu lassen. Dies klammert jedoch die Patientinnen- und Patientensicht aus. Dieser Ansatz wird nicht allen Sichtweisen gleichermaßen gerecht. Die journalistische Umsetzung erfolgte im Rahmen eines Praktikanten-Status in der KRH Psychiatrie Langenhagen.


Mein besonderer Dank richtet sich an das Team des Klinikums, welches mir die Umsetzung ermöglichte. Besonderen Dank richte ich an Herrn Dr. Bartusch, dem Chefarzt der Klinik. Er war von Beginn an meiner Idee aufgeschlossen gegenüber und unterstütze mich durchweg bei meinem Vorhaben und räumte mir viele Freiheiten ein. Ebenso danke ich Herrn Ellerhoff aus der Kommunikationsabteilung, der den rechtlichen und vertraglichen Rahmen für die Umsetzung ausarbeitete. Vor Ort danke ich dem gesamten Team, welches aufgeschlossen meine Fragen beantwortete. Besonderen Dank richte ich an den Pfleger Herrn Schaumann, welcher mir vor Ort Kontakte vermittelte und während der Umsetzung zur Seite stand.

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